Gutachtenerstellung Dr. med. Jakobeit
Gutachtenerstellung Dr. med. Jakobeit

Psychopharmaka - Segen und Fluch

Sie sind die meistgehaßten Medikamente und trotzdem finden sie sich immer unter den drei häufigst verordneten Arzneigruppen. Krasse Unwissenheit und bedenkenloses Verordnungsverhalten auf der einen, strikte Ablehnung um jeden gesundheitlichen Preis auf ander Seite prägen den Patientenalltag. Lassen Sie es mich so sagen, in der Medizin findet man fast nur noch in Teilbereichen der Chirurgie eine vergleichbare Ambivalenz, dort mit der schicksalshaften Frage: "Operieren oder nicht?". Geht es dort oft um Leben und Tod, so glauben leider noch immer viele, auch ein kleiner werdender Teil von Ärztinnen und Ärzten, daß es sich in der Psychiatrie lediglich um "Glückspillen" oder "Beruhigungstropfen" handele, auf die man, d.h. der Patient, schon verzichten könne, wenn man sich etwas zusammenreiße und Disziplin übe. Ein folgenschwerer Irrtum. Ich möchte Ihnen mit einigen stichpunktartigen Grundsatzbemerkungen meine Haltung erläutern und Sie zur Diskussion und zum Nachdenken auffordern.

Vereinfachte Einteilung der Psychopharmaka

  • Neuroleptika
  • Antidepressiva
  • Anxiolytika
  • Hypnotika
  • Antidementiva
  • Parkinsonmedikamente
  • Antiepileptika
  • Substitutionsmedikamente
  • Psychostimulanzien
  • Phasenprophylaktika
  • Schmerzmedikamente

Essentials der Psychopharmakologie:

  1. Jedes Pharmakon hat biologisch erklärbare und nicht erklärbare, gewünschte und nicht gewollte Wirkungen. Letztere nennen wir Nebenwirkungen. Wirkungen und Nebenwirkungen sind je nach Substanzgruppen in unterschiedlicher Häufigkeit immer auch suggestiv bedingt, das heißt, Folgen eines so genannten Placeboeffektes. Bei der Gruppe der Antidepressiva ist die biologisch bestimmbare Wirkstärke nicht sehr stark. Ihre Placebowirkung ist daher von Bedeutung.
  2. Es gilt immer eine Nutzen-Risiko-Abwägung bei jeder Verordnung zu treffen. Kein wirksames Medikament ist völlig nebenwirkungsfrei.
  3. Neuroleptika (siehe oben) werden heute sehr häufig eingesetzt, da die neueren Substanzen geringere Nebenwirkungen als die Altmedikamente haben. Trotzdem ist für mich deren Anwendung außerhalb einer engen Indikation psychotischer Störungen kein vertretbarer therapeutischer Weg. Neuroleptika haben bei der Behandlung von Neurosen, Suchten und Persönlichkeitsstörungen nichts zu suchen! Auch die adjuvante Anwendung bei depressiven Störungen ohne Wahnsymptomatik lehne ich trotz Zulassung einzelner Substanzen in Deutschland ab.
  4. Der Markt für Psychopharmaka ist riesig und milliardenschwer. Eine ganze "Wertschöpfungskette" von forschenden Pharmafirmen, Generikaherstellern, internationalen Großhändlern und Apotheken verdienen daran viel Geld. Psychopharmaka sind notwendige Arzneimittel! Aber sie behandeln nur die Symptomatik seelischer Störungen und psychischer Erkrankungen, sie heilen sie nie!
  5. Die niedrigst wirksame Dosis ist die individuelle Höchstdosis! Eine prophylaktische Höherdosierung oder einseitige Ausrichtung an Blutspiegeln (Ausnahme Phasenprophylaktika) ist völlig sachfremd.
  6. Während Neuroleptika m.E. so sparsam und so wenig wie möglich eingesetzt werden sollten, sollten Antidepressiva trotz  verzögert einsetzender und manchmal nur mäßiger Wirkung eher großzügig Anwendung bei Stimmungserkrankungen wie Depressionen und Angststörungen finden. Eine Panikstörung ist zu 80% kontrollierbar bei Einnahme von speziellen Antidepressiva und ersetzt eine oft langwierige und weniger wirksame Psychotherapie!
  7. Alte Menschen vertragen Psychopharmaka sehr schlecht. Die Toleranz gegenüber neuroleptikabedingten Nebenwirkungen ist außerordentlich gering. Vorsicht bei Verordung von hochpotenten Neuroleptika im Greisenalter!
  8. Gebt Alzheimer-Patienten Antidementiva! Wer einem im frühen oder mittleren Stadium erkrankten Patienten sogenannte Cholinesterasehemmer aus Kostengründen verweigert, begeht einen Kunstfehler. Vertreten Sie ihren Angehörigen gegenüber Ärzten und Krankenkassen. Alle drei zugelassene Substanzen sind zwar keine Wundermittel, aber meine Erfahrungen sind insgesamt ausgesprochen positiv und die Zahl der Patienten, die die Substanzen nebenwirkungsbedingt absetzen mußten, sind verschwindend gering. Geben Sie kein Geld für dubiose pflanzliche Mittel für sogenannte "Hirnleistungsschwäche" aus. Die Substanzen haben keinen wissenschaftlichen Beweis ihrer Wirksamkeit erbracht. Gingo und Co sind "hirnleistungsschwach".
  9. Clozapin ist das atypische Antipsychotikum schlechthin. Es ist nebenwirkungsträchtig, führt zu Gewichtszunahme und das Blutbild ist anfangs wöchentlich und später monatlich zu bestimmen um eine potentiell lebensbedrohliche Agranulozytose rechtzeitig zu erkennen. Trotzdem! Würde einer meiner liebsten Angehörigen an einer Schizophrenie erkranken und es käme unter den klassischen Antipsychotika zu keiner raschen Remission, ich würde nicht zögern, diese Substanz wegen der Chance auf deutliche Besserung umgehend einzusetzen.
  10. Für Benzodiazepine gibt es bis auf akute Notfälle und Angstminderung in finalen, d.h. todbringenden Lebenssituationen, keine psychiatrische Indikation. Lediglich beim Herzinfarkt und beim epileptischen Anfall (beides keine psychiatrischen Erkrankungen) sind diese sinnvoll und indiziert. Wer also nach Lorazepam, Diazepam und Co ruft, gehört auf die Entzugsstation aber nicht in meine Praxis.
  11. Ich führe keine Substitutionsbehandlung mit abhängigkeitserzeugenden oder suchtunterhaltenden Substanzen durch.
  12. Schmerzmedikamente sind sinnvoll, hilfreich und notwendig um Lebensqualität zu schaffen und sekundäre Schädigungen (Stichwort Schmerzgedächtnis) zu vermeiden. "Ein Indianer kennt keinenSchmerz". Wer es denn glaubt.....
  13. Monotherapie schlägt Polypharmazie! Wer drei, vier oder gar fünf verschiedene Psychopharmaka parallel verordnet, muß wissen, daß er dem Berufsstand der Kaffeesatzleser beigetreten ist. Es gibt keine Studien, die die Auswirkungen dieses Verordnungsverhaltens auf Interaktionen, Nebenwirkungen und Spätfolgen untersucht hätten.

 

Aktuelle Medikamenteninformationen der Hersteller

Vorsichtsmaßnahmen bei Seroquel, bzw. Quetiapin
Herstellerinformation+zu+Seroquel.pdf
PDF-Dokument [702.2 KB]

Seroquel und Seroquel prolong: Empfehlungen zur Durchführung von Kontrolluntersuchungen.

 

In ihrem Schreiben vom 02.02.2012 informiert die Herstellerfirma AstraZeneca über mögliche Nebenwirkungen von Seroquel und Seroquel prolong. Die genannten Stoffwechselveränderungen, sowie die mögliche Gewichtszunahme unter langfristiger Einnahme der Substanz, war schon länger bekannt. Jetzt wird ausdrücklich auf notwendige Kontrollen der Blutzucker- und Fettstoffwechselwerte, sowie Blutdruck- und Körpergewichtskontrollen hingewiesen.

Die Substanz Quetiapin (Seroquel) ist eine echte Innovation im Bereich der Neuroleptika, da sie nach meiner Erfahrung keine motorischen Nebenwirkungen, d.h. Muskelsteife oder Gehstörungen auslöst. Ich empfehle die Kontrollen regelmäßig durchzuführen und die Substanz nicht ohne Grund und Rücksprache mit mir abzusetzen.

Der informierte Patient ist mein Ziel. Daher lesen Sie bitte die als download unten für Sie bereitgestellte Information gründlich durch und fragen Sie mich, wenn Zweifel bestehen. Inzwischen ist der Patentschutz für das Medikament abgelaufen und viele Generikahersteller bieten Quetiapin inzwischen deutlich kostengünstiger an, als der Orginalhersteller. Selbstverständlich sind die Kontrolluntersuchungen auch bei diesen Präparaten entsprechend durchzuführen.



 

 

Citalopram und Cipralex bei Herzrhythmusstörungen: Kontrollempfehlungen
Rote-Hand-Briefe+zu+Citalopram+und+Escit[...]
PDF-Dokument [1.4 MB]

Wichtige Information zu Citalopram und Cipralex!

 

Die Firma Lundbeck, Orginalhersteller von Cipramil und der Nachfolgesubstanz Cipralex, hat über neu beobachtete Nebenwirkungen beider Substanzen berichtet und zu Vorsichtsmaßnahmen geraten.

Offensichtlich sind Einzelfallberichte über mögliche Herzryhthmusstörungen bekannt geworden, die zum Nachdenken über das, in Deutschland meistverordnete Antidepressivum Anlaß geben.

Die beiden Substanzen galten bisher als nahezu nebenwirkungsfrei und gut wirksam.

Ich habe sie ebenfalls häufig verordnet und bisher keine ernstzunehmende Nebenwirkungen berichtet bekommen.

Was ist jetzt zu tun?

ür Herzgesunde ist die Substanz bis zu einer zugelassenen Höchstdosis von 40mg tgl. (Citalopram) weiterhin problemlos anwendbar.

Patienten über 65 Jahren sollen max. 20mg tägl. einnehmen.

Im Zweifelsfall ist immer ein Ruhe-EKG notwendig um grenzwertige QT-Zeiten zu erfassen. Wir können in unserer Praxis dies gerne im Zweifelsfall für Sie tun.

Meine Bitte: Setzen Sie die Substanz nicht einfach ab! Auch andere Antidepressiva sind nicht ohne das besagte Nebenwirkungsproblem.

Sprechen Sie mich bitte im Zweifelsfall darauf an.

 

Für den Fachmann, die Fachfrau empfehle ich den Artikel von Dr. med. Katharina Wienzel-Seifert und Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Ekkehard Haen in der Fachzeitschrift "Psychopharmakologie" 19. Jahrgang Heft 1 2012 S. 25-29.

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